Dienstag, 16. August 2016

Diatonisch

Ich habe das dumpfe Gefühl, dass das Unternehmen Google, welches freundlicherweise diesen Blog technisch betreibt, nicht so sehr auf Verweise zu Artikeln oder Präsentationen steht, die mit fremder Software erstellt und veröffentlicht wurden. Von daher wird dieser Post jetzt nochmal zu reinem Blogtext umgearbeitet. Nun denn:

Diatonisch - genauer betrachtet


Es geht um den in der Musik und speziell im Jazz häufig verwendeten Begriff diatonisch
Wir lesen zunächst - war ja klar - in Wikipedia nach:

Mit dem Adjektiv diatonisch werden bestimmte Tonbeziehungen in Tonsystemen und Tonleitern gekennzeichnet. Zum Beispiel sind diatonische Tetrachorde definiert als Viertonfolgen, bestehend aus zwei Ganztonschritten und einem Halbtonschritt.
Seit dem frühen Mittelalter bildeten diatonische Tonleitern die Grundlage der abendländischen Musik, zunächst in Form der Kirchentonarten, später als Dur-Moll-System. Um die Wende zum 20. Jahrhundert löste sich ein Teil der Komponisten von der diatonischen Dur-Moll-Tonalität.
Später finden wir noch:
Diatonische Intervalle sind solche, die in einer diatonischen Tonleiter leitereigen enthalten sind. Im Einzelnen sind dies: reine Prime, Quarte, Quinte und Oktave, kleine und große Sekunde, Terz, Sexte und Septime.

So hat sich also im Sprachgebrauch etabliert, dass Akkorde des Typs 9, 11 und 13 prinzipiell Mehrklänge mit diatonischen Erweiterungen sind, Akkorde mit den Zusätzen b9, #9, #11 und b13 dagegen solche mit nicht-diatonischen Erweiterungen.
Aber nun schaut Euch mal diesen Kameraden an:




Ein Fmaj7/#11, ohne Quinte. Ob man den so auf dem Klavier spielen kann, sei dahingestellt. Mit zwei Händen bestimmt. Zumindest entdecken wir keine Vorzeichen, oder? Am Rande sei bemerkt: Auf der Gitarre wäre folgendes eine praktikable Griffweise:





Fmaj7/#11. Entsteht auf der IV. Stufe in C-Dur. Da dieser Akkord einen Tritonus enthält (F - B) – gemäß Festlegung (Geduld, die kommt gleich!) kein diatonisches Intervall – ist also die Erweiterung #11 grundsätzlich keine diatonische. Das stand natürlich auch im Wikipedia-Artikel, ich wollte es Euch nur aus dramaturgischen Gründen bis jetzt vorenthalten. Da war nämlich noch geschrieben:

Der Tritonus ist zwar auch Bestandteil diatonischer Leitern, wird aber als übermäßige Quarte, also als chromatische Variante der reinen Quarte bestimmt und nicht zu den diatonischen Intervallen gerechnet.

Das ist jetzt Heavy-Stuff, für den mir die Vorbildung fehlt. Weil es eben ein Tritonus ist – welcher ja am Beispiel Fmaj7/#11 in C-Dur im Akkord ohne irgendwelche Klimmzüge auf natürliche Weise entsteht – ist es kein diatonisches Intervall und damit keine diatonische Akkorderweiterung? Also alle in einer Durtonleiter vorkommenden Intervalle... außer dem Tritonus!

Meines Erachtens ist das nur ein weiteres Beispiel für die schon Jahrhunderte währende Diskriminierung des Tritonus als "Teufelsintervall".





Nun steht es mir aber nicht zu, Erkenntnisse oder Festlegungen (chromatische Variante?) von Musikern oder Musikwissenschaftlern in Zweifel zu ziehen, die seit Jahrhunderten zu solchen Themen forschen. So bleibt aus meinen Überlegungen die Erkenntnis, dass es wohl korrekt ist, eine #11 als nicht-diatonische Erweiterung zu bezeichnen. Aber eben nicht aus den zunächst offensichtlichen Gründen.

Euer

Gige

Kommentare:

  1. schein mir ein Fall zu sein, in dem Dogmatik über Logik siegt (kommt ja nicht so selten vor)... aber die Lösung des Problems liegt vielleicht woanders: die #11 ist in dem genannten Beispiel ja keine Erweiterung, sondern konstitutiver Bestandteil des Vierklangs - durch gute alte Terzschichtung errungen. Genauso wie es beim Sepktakkord zwischen Terz und Septime einen Tritonus gibt.

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    1. Lieber Meh-jazzed-x,
      danke für Deinen Kommentar. Klar, Dogmatik vor Logik, das ist der Punkt.
      Nicht konform gehe ich mit der Ansicht, das B sei konstitutiver (puh, das musste ich erst mal nachschlagen) Bestandteil des Vierklangs Fmaj7/#11, denn... Fmaj7/#11 ist ein Fünfklang. Das Thema ist ja gerade die Kategorisierung der Erweiterungen von Vierklängen. Jeder Ton, der zum Vierklang hinzugefügt wird, ist zunächst also eine Erweiterung, egal ob er durch traditionelles Terzentürmen (TT) oder sonstwie gefunden wird. Üblicherweise spricht man dann eben bei den durch TT erlangten von diatonischen, bei den anderen von nicht-diatonischen Erweiterungen. Dass dies im Fall der #11 bei der IV nicht so ist und damit zumindest nicht völlig schlüssig, war der Ausgangspunkt dieses Beitrags.

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  2. Stimmt - natürlich Fünfklang (aber wer spielt schon Voicings mit Quinten...) - also liegt das Dogma einfach falsch...

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