Sonntag, 8. Januar 2017

Mixolydisch#11


Liebe Leser,

wer von Kirchentonarten und den Erzeugerskalen Harmonisch- bzw. Melodisch-Moll noch nie gehört hat, wird an diesem Beitrag wenig Freude haben. Ich werde zu diesen Themen sicherlich noch Einsteiger-Artikel verfassen, aber heute eben nicht. Vielleicht können jedoch auch Novizen (in Bezug auf die genannten Skalen) ein paar Erkenntnisse gewinnen. Schau mer mal...


In diesem Beitrag geht es um die im Jazz häufig verwendete Skala Mixolydisch/#11, zumeist abgekürzt als mixo#11 bezeichnet. Was meines Erachtens schon mal nicht ganz korrekt ist, also beide Bezeichnungen. Denn eine Zahlenangabe > 8 bedeutet ja, dass der ggf. alterierte Ton schon in der nächsthöheren Oktave zu finden ist. Beispiel: Ein Hmin7b5-Akkord beinhaltet nicht den Ton F#, welcher eigentlich die "normale" Quinte (5) zu H wäre, stattdessen die verminderte Quinte (welche ich gerne aus ähnlicher Argumentation als "klein" bezeichne) b5, den Ton F. Ein H7#11 dagegen darf beide Töne enthalten, besteht also aus H - D# - F# - A - F. Unerheblich, dass man diesen Fünfklang auf der Gitarre nicht vernünftig greifen kann und daher das F# zumeist opfert.

Wird also innerhalb einer Tonleiter eine Stufe geändert, was ja dann in den folgenden Oktave derselben immer wieder aufs Neue gemacht werden muss, wäre die korrekte Bezeichung meines Erachtens Mixolydisch#4, welche ich auch im Folgenden verwenden werde. In der Literatur oder im Netz findet Ihr überwiegend #11.
Wir lesen zunächst – war ja klar – in Wikipedia nach... allerdings wird man weitergeleitet. Guckt doch mal hier >>>
Herrje, die Alterierte! Übrigens ziemlich gut erklärt, aber eben nicht Thema dieses Beitrags. Wobei ein solcher – sozusagen das Gesamtpaket – mit Sicherheit noch kommt, versprochen!
Packen wir es andersherum an:


  1. Wozu braucht man Mixo#4?
  2. Wo kriegt man es her?
  3. Warum heißt sie (die Skala), wie sie heißt?

Wozu braucht man Mixo#4?

Eine klare Sache: Prinzipiell zum Spiel über 7#11-Akkorde (die heißen korrekterweise so, siehe oben). Die kommen auch in freier Wildbahn bisweilen vor, z. B. in "Take The A-Train" von Duke Ellington:


In Takt 3 finden wir hier – geschickt getarnt durch die Bezeichnung D7b5 – unseren 7#11-Akkord. Diese Schreibweise muss übrigens gar nicht falsch sein. Das gleichzeitige Auftreten der Töne A (die 5 zum D) und Ab (b5) klingt ja per se etwas schräg. Neben der o. a. Schreibweise aus dem Realbook V findet man übrigens z. B. in den "557 Standards" und an anderer Stelle den Akkord D9#11, welcher exakt die beiden Melodietöne abbildet. Da ich die Schreibe b5 vs #11 auf der Gitarre nicht verifizieren kann (äußerst blöde zu greifen), lassen wir das Vorhandensein einer (nicht verminderten) Quinte im D7 mal ungeklärt. Üblicherweise wird man sie wohl weglassen.
Nun also: Eine Tonleiter, die im Volksmund mixo#11 heißt, über einen Dominantseptakkord zu spielen, der mit einer #11 erweitert ist, kann im Regelfall so falsch nicht sein. Ist es auch nicht. D-Mixo#4 passt im Solo (oder auch für Basslinien) wunderbar über Takt 3 und 4 von Take The A-Train. Jetzt bräuchten wir nur noch die Skala...

Wo kriegt man Mixolydisch#4 her?

Die Ableitung einer Skala aus einer anderen ist eine Glaubensfrage, wobei ich nicht entscheiden will, wer hierbei Recht hat. Beides (vielleicht gibt es noch andere Möglichkeiten) funktioniert, was einfacher ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Zunächst wäre es doch am sinnvollsten, die Skala genau so zu erzeugen, wie es ihre Bezeichnung beschreibt. Wir nehmen also eine Mixolydische Tonleiter und machen dort die 4. Stufe zu einer #4. [Womit auch die ursprünglich gestellte dritte Frage nach der Benamsung erklärt wäre.] Im konkreten Fall also aus D-Mixolydisch (was G-Dur von D bis D' entspricht) D-Mixolydisch#4, indem wir die 4. Stufe (den Ton G) um einen Halbton erhöhen, zu G#.



Eine solche Vorgehensweise ist logisch und natürlich völlig legitim. Allerdings bin ich persönlich eher der "Rechner" als der "Skalen-Lerner", was bedeutet, dass ich Mixolydisch gar nicht parat habe, sondern mir immer aus der zugehörigen 1. Stufe, in unserem Fall G-Dur, herleite. Und dann in dieser Tonart auch noch einen Ton verändern müsste, tragischerweise zu allem Übel gar den Grundton, nämlich das G zum G#. Das kriege ich unter Stress nicht gebacken. Ich behelfe mir also anders.
In meiner Welt gibt es nur drei Tonleitern, allesamt sogenannte Erzeugerskalen, welche ich geübt habe und auf dem Griffbrett abrufen kann: Dur (bzw. die zugehörige Natürlich-Moll-Tonleiter), Harmonisch- (HM) und Melodisch-Moll (MM). Also eigentlich nur drei Molltonleitern. Wenn mir ein Modus einer solchen Tonleiter über den Weg läuft (Mixolydisch zum Beispiel ist der V. Modus einer (ionischen) Durtonleiter), rechne ich mir die zugehörige Durtonart aus und spiele diese. So einfach ist das...
Die sieben Modi der Durtonleiter haben Namen (von I bis VII: Ionisch, Dorisch, Phrygisch, Lydisch, Mixolydisch, Äolisch und Lokrisch), die von Harmonisch- und Melodisch-Moll zumindest im deutschen Sprachraum Nummern (HM1 bis HM7 bzw. MM1 bis MM7). Fordert jemand von mir beispielsweise F-Lydisch, so rechne ich die zugehörige (Ionische) Grundtonart aus (in diesem Fall C-Dur) und spiele diese. Im Fall von A-HM5 eben D-Harmonisch-Moll usw.
Bei den Modi der Melodisch-Moll-Tonleiter gibt es zwei, die so häufig eingesetzt werden, dass es im Deutschen eigene Namen für diese Tonleitern gibt: MM7, was auch Alterierte Skala (oder kurz: Alteriert) genannt wird und MM4, die Mixolydisch#11 (also unsere gesuchte Mixolydisch#4) Tonleiter. Im Beispiel von "Take The A-Train" ist die Skala D-Mixo#4 gefordert. Ich weiß, dass Mixo#4 dem 4. Modus der zugehörigen Melodisch-Moll-Tonart entspricht und suche also MM1. Diese Suche führe ich mittels einer virtuellen Griffbrettschablone im Kopf durch, über die ich sicherlich noch eigens schreibe. Ich finde als zugehörige Melodisch-Moll-Tonart A-MM. Fein, MM kann ich spielen!



Und da D-Mixo#4 ja nur ein Modus (der 4.) von A-MM ist, sind es natürlich exakt die gleichen Töne, nur dass D-Mixo#4 auf der 4. Stufe von A-MM startet. Da wir aber nicht ständig Skalen ab dem Grundton spielen (sollen), ist dies nicht relevant. Ich spiele also A-Melodisch-Moll über den Akkord D7b5.

Liebe Leser, klar ist es etwas unfair, in einem Blogartikel so viel Grundwissen vorauszusetzen, das auf diesen Seiten noch gar nicht besprochen wurde. Andererseits könnte ich dann die "Harmonielehre für Gitarre" von T. Dütsch und mir gleich ins Netz stellen. Die wollen wir aber noch ein paar Mal verkaufen. Von daher: Kauft Euch das Ding (so Ihr es noch nicht habt), lest es und versucht, das Gelernte auf der Gitarre umzusetzen. Gibt es dann immer noch Fragen, meldet Euch!
Viel Spaß mit Mixo#4
Euer

Gige


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