Donnerstag, 30. März 2017

Vater-Tochter-Gespräche

Liebe Leser,
es ist schön, wenn sich die eigene Tochter ernsthaft für Jazzharmonielehre interessiert. Als Vater, der gerne den Experten heraushängen lässt, geschieht es mir recht, wenn ich bisweilen in Erklärungsnot komme.
So geschehen vor kurzem, als sie im Eigenstudium eine kleine Abhandlung über Jazzharmonie (Glas, Rainer: Chords & Scales. 2. Aufl. Erlangen 2006) las. Mit den Worten "Papa, das hier ist mir nicht ganz klar" zeigte mir die beste aller Töchter auf den einleitenden Seiten des o. a. Werks eine interessante Einteilung der Basistonarten, nämlich in Melodisch und Harmonisch. Im Einzelnen dann

  • Melodisch-Dur (Ionisch Dur)
  • Melodisch-Moll
  • Harmonisch-Dur
  • Harmonisch-Moll

Nun beschäftige ich mich seit geraumer Zeit mit (Jazz-)Harmonielehre und habe einiges hierzu gelesen oder zumindest mit schlaueren Musiker-Kollegen diskutiert. Ionisch-Dur sowie Harmonisch- und Melodisch-Moll sind mir vertraut und von Harmonisch-Dur habe ich schon gehört (Peter O'Mara merkte einmal an, man könne es über den ominösen Bbdim in "Wave" spielen, was aber an anderer Stelle betrachtet werden soll), von Melodisch-Dur allerdings noch nie. Auch das allmächtige Google findet hierzu keinen Eintrag. Nun kann Rainer Glas ja auf eine etwa 50jährige Karriere als Jazzmusiker zurückblicken, in deren Verlauf er mit unzähligen Koryphäen gespielt hat. Er wird den bekannten ersten Modus einer Durtonleiter (Ionisch) wohl nicht in irgendeiner Bierlaune Melodisch-Dur genannt haben. Schauen wir also genauer hin. Man kann schon drauf kommen, aber es ist m. E. wirklich "ums Eck" gedacht...
Ich möchte zunächst die Abfolge vorstellen, in der ich selbst die oben genannten Skalen erlernt habe und in der sie möglicherweise auch in die Musik eingeführt wurden. Die Ausgangstonleiter ist die aus sogenannten Stammtönen (die weißen Tasten des Klaviers) bestehende C-Dur-Tonleiter.



Diese Tonleiter erzeugt, je nachdem von welchem Ton aus sie begonnen wird, alle sieben möglichen Kirchentonleitern, sogenannte Modi von C-Dur.


Alles diese Tonleitern bestehen aus denselben Stammtönen. Da aber die Terz je nach Grundton einer solchen Skala differiert, enstehen je nachdem, ob eine große oder eine kleine Terz vorliegt, Dur- bzw. Molltonleitern: Ionisch, Lydisch und Mixolydisch sind Dur-, Dorisch, Phrygisch, Äolisch und Lokrisch dagegen Molltonleitern.
Von vorneherein wurde der Äolische Modus, die (natürliche) A-Moll-Tonleiter (welche die parallele Tonleiter zu C-Dur ist) fast ebenso häufig eingesetzt wie die C-Dur-Tonleiter, da eben viele Lieder den traurigen Mollakkord als Grundakkord (diese Bezeichnung hier mal lässig für "Tonika" verwendet) einsetzen möchten. Nun besitzt allerdings die C-Dur-Tonleiter auf der VII. Stufe den Ton B (deutsch: H), der nur einen Halbton vom (nächsten) Grundton C' entfernt ist und eine sogenannte Leittonwirkung hat. Er leitet zum Grundton. Um solcherlei auch in der parallelen Molltonleiter realisieren zu können, hat man einfach die VII. Stufe der Äolischen Skala um einen Halbton erhöht. In A-Moll-Äolisch wird also das G zum G#.



Diese Skala heißt Harmonisch-Moll (HM), in unserem Beispiel also A-HM. Im Angelsächsischen übrigens treffend als aeolian-major7 bezeichnet. Weil es auf der Gitarre nur ein kleiner Schritt ist (aber ein großer für die Menschheit) hier mal die entsprechenden Tabs:



In der Ansicht des A-Harmonisch-Moll, welches wir ab jetzt A-HM abkürzen wollen, wird eine Eigenheit dieser Skala ersichtlich. Sie besitzt einen atypischen Drei-Halbton-Abstand zwischen VI. und VII. Stufe, in unserem Fall zwischen F und G#. Einen solchen Abstand nennt man Hiatus. Er gibt zum Einen dem HM einen orientalischen Klang und wurde in der Vergangenheit in der abendländischen Musik als unsingbar eingeschätzt und daher vermieden. Ein Problem. Leitton prima, Hiatus nicht so toll. Um ersteren zu erhalten und letzteren zu eliminieren, wurde nochmals an der geschundenen Skala herumgefummelt – man erhöhte nun auch die VI. Stufe um einen Halbton. Die neue Skala sieht also so aus:


Diese Molltonleiter mit erhöhter VI. und VII. Stufe heißt Melodisch-Moll (MM). Um beide Änderungen an der ursprünglichen Mollskala zu verdeutlichen hier auch noch der Tab für Gitarre. Jedes F wird zum F#, jedes G zum G#:


Melodisch-Moll ist übrigens mitnichten eine Erfindung des Jazz. Das Beispiel in Wikipedia zu MM ist von Johann Sebastian Bach aus dem Jahr 1736...
Ich selbst habe also die besprochenen Skalen in der Reihenfolge Dur - Natürlich-Moll - Harmonisch-Moll - Melodisch-Moll erlernt, was angesichts der bis hierher gelieferten Beschreibung einleuchtet, oder?
Erst viel später ist mir aufgefallen, dass die oben abgebildete A-MM-Skala der A-Dur-Tonleiter entspricht, wenn ich eben die kleine Terz zu einer großen mache:


Und dann ist auch einzusehen, dass man eine Skala, die aus Melodisch-Moll durch Veränderung der Terz entstanden ist, Melodisch-Dur nennen kann. Aber - dies war ja der allerletzte Schritt der Herleitung! A-Melodisch-Moll wurde aus A-(Äolisch-)Moll und somit aus C-Ionisch-Dur entwickelt, eine Ableitung aus A-Ionisch-Dur mag zwar in der Praxis zum schnellen Finden einer MM-Skala auf dem Instrument taugen, nicht aber zum Verständnis der Beziehungen von Tonleitern untereinander.
Ich halte also das Konzept von Rainer Glas zwar für logisch, aber zu "advanced" und daher für Einsteiger nicht geeignet.
Zudem, wer braucht schon Harmonisch-Dur?
Über den Einsatz der besprochenen Skalen bei der Improvisation kann man ein Buch füllen (hat man übrigens getan), so dass ein andermal darüber geschrieben wird.

Euer
Gige

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